
Hinter Automotive Software Process Improvement and Capability Determination, kurz ASPICE, steckt weit mehr als ein trockener Reifegradstandard für Software- und Systementwicklung. Im Interview räumen zwei Experten mit typischen Missverständnissen auf und zeigen, warum ASPICE kein Bürokratiemonster ist, sondern ein Denkmodell, das Orientierung gibt. Sie erklären, weshalb „später nachziehen“ keine gute Idee ist, wie Struktur Teams entlastet und warum gelebte Prozesse am Ende genau das bringen, was alle wollen: ruhigere Projekte, bessere Entscheidungen und messbar mehr Qualität.
Dr. Barbara Buth-Lhotzky:
Weil viele den ersten Kontakt mit ASPICE als Kontrolle erleben. Mehr Dokumente, mehr Regeln, mehr Reviews. Das fühlt sich am Anfang nach zusätzlicher Belastung an – nicht nach Unterstützung. Häufig liegt das aber daran, dass ASPICE losgelöst vom Projektalltag eingeführt wird und rein auf das Assessment reduziert bleibt.
Björn Balecke:
Genau. Der Standard bekommt dann den Ruf, bürokratisch zu sein. Dabei ist das eigentliche Problem nicht ASPICE selbst, sondern die Art, wie damit gearbeitet wird. Wenn Prozesse nur „abgehakt“ werden, fehlt der Sinn dahinter und damit auch der Mehrwert.
Dr. Barbara Buth-Lhotzky:
Sobald Verantwortung ins Spiel kommt. Zum Beispiel bei Reviews. Ohne klare Kriterien verlaufen sie jedes Mal anders, Diskussionen werden subjektiv und Ergebnisse schwer greifbar. Erst mit Struktur wird klar: Das sind keine starren Regeln, sondern Entscheidungshilfen. Genau da beginnt ASPICE zu wirken.
Björn Balecke:
ASPICE ist kein Regelbuch, sondern ein Denkmodell. Es stellt im Grunde immer dieselben Fragen: Haben wir das bedacht? Ist es nachvollziehbar? Können wir es erklären? Wenn Teams das einmal verstanden haben, verändert sich der Blick komplett.
Björn Balecke:
Weil ASPICE die Projektgeschichte bewertet – nicht nur eine Momentaufnahme. Entscheidungen, Tests und Reviews müssen dann entstehen, wenn sie gebraucht werden. Wer versucht, alles kurz vor dem Assessment zu dokumentieren, erzeugt Stress, Kosten und Unsicherheiten.
Dr. Barbara Buth-Lhotzky:
Und genau dieser Stress wird dann fälschlicherweise dem Prozess angelastet. In Wahrheit entsteht er durch den späten Einstieg. Projekte, die ASPICE von Anfang an mitdenken, arbeiten ruhiger, klarer und am Ende erfolgreicher.
Björn Balecke:
Mit einem klar definierten, ASPICE-konformen Standardprozess, der sich im Projektalltag bewährt. Unterstützt durch Tools, die Transparenz schaffen und Orientierung geben. Nicht nur für Assessments, sondern für die tägliche Arbeit.
Dr. Barbara Buth-Lhotzky:
Wir arbeiten in unterschiedlichen Kontexten: mal strikt nach OEM-Vorgaben, mal mit Verantwortung für die Prozessgestaltung. Entscheidend ist dabei immer dasselbe Prinzip: Prozesse werden begleitend gelebt, nicht im Nachhinein dokumentiert.
Björn Balecke:
Das merkt man sofort. Teams können erklären, warum sie Dinge tun, nicht nur, dass sie sie tun. Zusammenhänge sind klar, Entscheidungen nachvollziehbar. Dokumente unterstützen das Gespräch – sie ersetzen es nicht.
Dr. Barbara Buth-Lhotzky:
Dann wird auch ein Assessment zum Spiegel statt zum Stressfaktor. Es zeigt, wo Prozesse helfen – und wo man nachschärfen kann.
Dr. Barbara Buth-Lhotzky:
ASPICE wird nicht gemacht, um Prozesse zu haben, sondern um Projekte erfolgreicher zu machen. Mit weniger Überraschungen und besserer Qualität.
![]() | ![]() |
| Dr. Barbara Buth-Lhotzky | Björn Balecke |
