Rolls-Royce Ghost

Symbiose aus Emotion, Mythos und Perfektion
Die Karosserie eines Rolls-Royce muss sehr hohen Ansprüchen gerecht werden. Besondere Anforderungen an Steifigkeit, Festigkeit, Akustik und Schwingungseigenschaften sind die Herausforderungen, um höchsten Fahrzeugkomfort sicherzustellen. Beste Produktqualität war das Maß aller Dinge, um der Philosophie der Marke Rolls-Royce gerecht zu werden und maximale Kundenzufriedenheit erlebbar zu machen. Als ausgewählter Entwicklungspartner unterstützte Bertrandt die Entwicklung des neuen Rolls-Royce Ghost und tauchte tief in die Welt der Rolls-Royce Motor Cars ein.

Zu einem besonderen Entwicklungs-Projekt sprach die Redaktion mit Axel-Artur Poweleit (links im Bild), prozessverantwortlicher Projektleiter Karosserie & Ausstattung Rolls-Royce Ghost, Rolls-Royce Motor Cars Ltd. und Oliver Frosch, Leiter Projektmanagement, Projektmanager Rolls-Royce Ghost, Bertrandt AG.

Zusammenarbeitsmodell

Bertrandtmagazin (Bm): Herr Poweleit, die Marke Rolls-Royce steht für einen Mythos. Mit dem Ghost ging nun das aktuellste Modell von Rolls-Royce an den Start. Die Presse sprach unter anderem von einer „konzentrierten Zusammenarbeit von Technikern und Designern“. Bertrandt durfte Sie in diesem gleichfalls anspruchsvollen und emotionalen Produkt als Entwicklungspartner begleiten. Aufgrund welcher Kriterien fiel die Entscheidung zugunsten von Bertrandt und wie haben Sie die Zusammenarbeit empfunden?

Axel-Artur Poweleit: Die besondere Herausforderung für uns ist, diesem Mythos des Automobilbaus gerecht zu werden. Charles Rolls und Henry Royce wollten von Beginn an immer das beste Automobil der Welt bauen, und Henry Royce hat das aus seiner Sicht definiert, aus Sicht des Ingenieurs. Dieser Sicht fühlen auch wir uns in der heutigen Zeit verpflichtet. Ein mittelständisches Unternehmen wie Rolls-Royce Motor Cars kann große Projekte naturgemäß nicht allein aus eigenen Ressourcen heraus stemmen. Wir suchen uns daher für das jeweilige Projekt die aus unserer Sicht besten Partner, die unsere Entwicklungsteams unterstützen. Wir sind überzeugt davon, dass Bertrandt für dieses Projekt der beste Partner gewesen ist. Dabei gilt die Philosophie von Henry Royce, der gefordert hat: „Take the best that exists and make it better.“ Wir haben auch Bertrandt dieses Verständnis bei der Entwicklung eines Rolls-Royce vermittelt. Ob es wirklich das beste Automobil der Welt ist, entscheiden dann natürlich unsere Kunden.

Bm: Die Arbeit im Projekthaus erfolgte im Sinne der Spiegelbildfunktion. Was waren die Vorteile dieser Konstellation?

Axel-Artur Poweleit: Die Entwicklung des Ghost war ein internationales Projekt, mit Kernteams an verschiedenen Standorten in Großbritannien und Kontinentaleuropa. Für unsere Karosserie war einer der Schwerpunkte München. Die Spiegelbildfunktion war zu Beginn des Projekts für die Zusammenarbeit mit Bertrandt die ideale Konstellation, um beide Partner auf die gleiche Wissensbasis zu stellen. Mit zunehmender Integration unseres Entwicklungspartners in die Rolls-Royce Arbeitsprozesse und dem damit verbundenen Verantwortungsbewusstsein wurden die Rolls-Royce-seitigen Spiegelbilder immer mehr zu Beratern und so konnten schon bald Aufgaben in den Prozessen komplett von unserem Partner durchgeführt werden.

Bm: Aufgrund der genannten Prozesskettenverantwortung war Bertrandt auch Ihr Partner im Technischen Lieferantenmanagement. Können Sie einige Beispiele nennen, Herr Poweleit?

Axel-Artur Poweleit: Rolls-Royce Motor Cars hat weltweit über 400 Zulieferer für die Phantom-Familie und nun auch den Ghost. Es ist eine enorme Entlastung für uns, hier mit einem Partner zusammenarbeiten zu können, den wir auch in die Entwicklung von Komponenten involviert haben und der das technische Lieferantenmanagement mit uns geführt hat. Besondere, gerade Ghost-typische Beispiele sind der Versenkmechanismus der Spirit of Ecstasy, das Konzept unseres Kühlergrills und unseres Panoramadachs mit
einem dreiteiligen Sonnenschutz, der in einer Limousine dieser Klasse bisher erstmalig erschienen ist. Diese Entwicklungen stehen für hohe qualitative Reifegrade und ein hervorragendes funktionales Ergebnis ein.

Vom Konzept über die Serienentwicklung zur schlüssigen Produktfunktion

Bm: Herr Frosch, was waren aus Ihrer Sicht die Herausforderungen im Technischen Lieferantenmanagement bei den genannten Themen? Wie waren die konkreten Anforderungen an Bertrandt hinsichtlich der Entwicklung der Kühlerfigur, dem Kühlergrill und dem Panoramadach? Diese Teile bestimmen das Design ja maßgeblich mit, müssen aber gleichzeitig auch absolute Perfektion in ihrer Funktionalität aufweisen.


Oliver Frosch: Bertrandt war mit der Technischen Lieferantensteuerung beauftragt. Im Rahmen der Modularbeit hatten wir die Prozessverantwortung inne. Technische Vorgaben direkt vom Entwicklungsdienstleister zu erhalten, war für einige Systemlieferanten ein Paradigmenwechsel.

Oberstes Ziel war ein intensives Simultaneous Engineering innerhalb der Prozesskette, um der hohen Kundenerwartung an einen Rolls-Royce gerecht zu werden. Bei der Spirit of Ecstasy beispielsweise, einem Rolls-Royce-Markenzeichen, war eine hohe dynamische und akustische Anmutung beim Öffnen und Schließen des Versenkmechanismus auch für das optische Erscheinungsbild wichtig. Dementsprechend hatte dies einen äußerst intensiven Abstimmungsprozess mit den Prozesspartnern zur Folge.

Auch der imposante Kühlergrill erforderte für ein harmonisches Gesamtbild im Vorderbau ein optimales Fugen- und Spaltkonzept zu den umliegenden Anbauteilen. Um die optische Tiefe sichtbar zu machen, war das Bauteil geprägt von hohen Ziehgraden in Edelstahl. Die Zusammenarbeit mit einem neuen Systemlieferanten war hierbei äußerst konstruktiv und wir konnten ein Maximum aus den physikalischen Umformparametern herausholen.

Diese Beispiele zeigen, wie Bertrandt höchste technische Anforderung mit dizipliniertem Integrationswillen in der Modularbeit vereint sowie das Projekt durch eine konzentrierte und intensive Reifegradabstimmung während der gesamten Prozesskette in anspruchsvollen Terminfenstern gesteuert hat.

Hohe funktionale und optische Bauteilanforderungen an Schließkomfort, Dichtigkeit und Anmutung hatte auch das großzügige Panoramadach sowie die Neuentwicklung eines einzigartigen, dreigeteilten Plattenschiebehimmels. Um die Integration in die Karosserie im Rahmen der vorgegebenen Meilensteine sicherzustellen, hat sich Bertrandt projektmanagementseitig für ein aktives Resident-Engineering vorort beim Lieferanten entschieden. Durch kurze Kommunikationswege und eine optimale Änderungssteuerung konnten wir den hohen Qualitätsansprüchen entsprechen.

Die letztendliche Absicherung im Montageprozess für die Versenkmechanik, den Kühlergrill und das Panoramadach realisierten wir übergreifend in engem Schulterschluss mit den Prozesspartnern aus Goodwood.

Bm: Herr Poweleit, Ihr Chefdesigner Ian Cameron fasst das Konzept des Rolls-Royce Ghost als „zukunftsweisend, modern, elegant und dynamisch mit den unverkennbaren Merkmalen der Luxusmarke“ zusammen. Gerne würde ich mir auf Basis dieser Aussage ein konkretes Entwicklungsbeispiel schildern lassen und habe auch schon ein spezielles im Blick: den Seitenrahmen und die „Coachdoors“. Gab es an dieser Stelle besondere Anforderungen an die Entwicklung?

Axel-Artur Poweleit: Die Coachdoors haben sich zu einem bestimmenden Merkmal des aktuellen Rolls-Royce-Portfolios der Phantom-Familie und des Ghost entwickelt, seitdem wir sie mit der Phantom-Limousine wieder eingeführt haben. Neben dem Effekt, den sie beim Öffnen vermitteln, erlauben sie auch ein deutlich eleganteres Ein- und Aussteigen. Das technisch umzusetzen war von Beginn an eine große Herausforderung für unser gemeinsames Team. Hier mussten Design, Fahrzeugmaßkonzept und ziehtechnische Randbedingungen des Seitenrahmens unter der Prämisse der einteiligen Herstellbarkeit und des Eindrehens der Coachdoors in Einklang gebracht werden. Die Prozessfähigkeit des Seitenrahmens wurde mehrfach in Frage gestellt, jedoch begleitet mit hohem Expertenwissen und Simulationstools sowie entsprechender Hardware-Absicherung zu dem gewünschten Entwicklungsziel geführt.

Bm: Herr Frosch, können Sie uns am Beispiel Seitenrahmen und Coachdoors schildern, wie dieses Projekt intern bei Bertrandt entwickelt und abgesichert wurde? Gerne auch einige Worte zum konkreten Vorgehen bzw. Prozess- und Projektmanagement. Inwieweit hat Bertrandt Gesamtverantwortung getragen?

Oliver Frosch:
Um die Zielvorgaben zu erfüllen, wurde die bereits beschriebene Spiegelbildorganisation zwischen den Rolls-Royce-Verantwortlichen und Bertrandt installiert und die Zusammenarbeit in einem projektspezifischen und bislang einzigartigen Prozessablauf vorangetrieben.

Für das Prozessmanagement wurden einerseits Prozesse auf Basis der spezifischen Rolls-Royce-Rahmenbedingungen und dem exklusiven Manufakturgedanken neu geplant, die in der Modularbeit neben der konstruktiven Ausgestaltung der Bauteilumfänge aktiv umgesetzt wurden. Andererseits wurden kommunale Teilprozesse der BMW Group berücksichtigt.

Der einteilige Seitenrahmen mit Coachdoor-Konzept entstand in einem solchen komplett neu geplanten Werkzeugprozess. Die Vorteile hinsichtlich hoher Maßhaltigkeit an den Fügestellen sowie strakgenaue Oberflächen- und Dichtigkeitsanforderungen des Großbauteils Seitenrahmen konnten so umgesetzt werden. Die Entwicklung und Absicherung realisierte das Team in engem Schulterschluss innerhalb der Prozesskette Karosserie und in Verbindung mit den vorgegebenen Gesamtfahrzeugkriterien.

Neben Kühlerfigur und Kühlergrill stellen die Coachdoors ein weiteres Rolls-Royce-Identifikationsmerkmal dar. Hier ergaben sich entwicklungsseitig hohe Herausforderungen an das Toleranzkonzept bezüglich Schließvorgang „Tür vorne zu Tür hinten“, aufgrund der Scharnierlage Coachdoor an der C-Säule, einem hohen komfortorientierten Fondeinstieg mit stufenlosem Türhaltekonzept sowie dem wertigen automatischen Schließen. Neben der Konstruktion und der engen Abstimmung mit Lieferanten übernahmen wir die Versuchsabsicherung, elektrische Systemintegration und Freizeichnungsvorbereitung.

Grundsätzlich war das Projektmanagement von Bertrandt für die Koordination und operative Steuerung im Aufgabenfeld Karosserie und Ausstattung des Projektes verantwortlich, die mit regelmäßigen Leistungsabnahmen mit den Prozessverantwortlichen bei Rolls-Royce bewertet wurde. Durch die gelebte Spiegelbildorganisation konnte das Zusammenspiel von Rolls-Royce-Abläufen und Bertrandt-Prozessen stets synchronisiert und sehr gut vorangetrieben werden. Der entscheidende Erfolgsfaktor war jedoch die hohe Motivation jedes Einzelnen in der gesamten Projektmannschaft.

Fazit

Bm: Herr Poweleit, der Rolls-Royce Ghost ist seit sechs Monaten in Serie. Gefertigt wird er in der Goodwood-Manufaktur. Wenn Sie sich den Ghost heute anschauen, ist er ein Fahrzeug in Perfektion. Ich bitte Sie, von diesem Standpunkt aus einen Blick auf die gemeinsame Projektarbeit zu richten. Gibt es aus Ihrer Sicht Verbesserungspotenzial in der Zusammenarbeit?

Axel-Artur Poweleit: Perfektion gehört zu den ehernen Werten unseres Unternehmens. Henry Royce hat das mit der Forderung „Strive for perfection in everything you do“ unterlegt, die Maßgabe sowohl für unsere tägliche Arbeit, wie natürlich auch das Automobil selbst zu sein hat – insoweit sollte jeder Rolls-Royce für Perfektion stehen. Wir haben zum Ende der gemeinsamen Projektarbeit eine Zusammenarbeitsanalyse und eine Prozesspartner-Befragung durchgeführt. Beide bestätigen sehr gute Ergebnisse.

Bm: Darf ich konkret fragen, was Bertrandt aus Ihrer Sicht auszeichnet? Würden Sie Bertrandt weiterempfehlen?

Axel-Artur Poweleit: Die Projektarbeit stand unter unserem Motto „Desire and Perfection“, denn es ist schon auch eine Auszeichnung, im Entwicklungsteam für einen Rolls-Royce mitwirken zu können und dafür Höchstleitungen zu erbringen. Das haben wir im Ghost mit Bertrandt, unseren internen Prozesspartnern, aber auch mit unseren Lieferanten erreicht. Für Bertrandt bedeutet das aus meiner Sicht eine Qualifizierung für neue Projekte.

Bm: Herr Frosch, in der Spitze waren bis zu 85 Bertrandt-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter an der Entwicklung dieses anspruchsvollen Fahrzeugs involviert. Wie haben Sie und die Kolleginnen und Kollegen die Projektarbeit empfunden?

Oliver Frosch: Für Rolls-Royce Motor Cars mitgestalten zu dürfen, war für uns Bertrandtler hochmotivierend und ein großer Vertrauensbeweis. Sowohl die interne Bertrandt-Prozessgestaltung als auch die Kompetenzerweiterung aufgrund der hohen Anzahl an Mitarbeitern wurden in begleitenden KVP-Prozessen fortwährend an den Erfordernissen und Erwartungshaltungen unseres Auftraggebers ausgerichtet.

Die partnerschaftliche Zusammenarbeit innerhalb der gesamten Prozesskette der Rolls-Royce-Fachbereichs- sowie Projektorganisation und dem Bertrandt-Projektteam hat dazu beigetragen, ein elegantes, mit höchsten Ansprüchen gelungenes Fahrzeug auf den Weg zu bringen. Wir von Bertrandt freuen uns, einen Beitrag für Rolls-Royce geleistet haben zu dürfen. Stellvertretend für die Bertrandt-Führungsmannschaft danke ich für das gewachsene und gelebte Vertrauen durch unseren Auftraggeber und durch Herrn Poweleit.

Bm: Herr Poweleit, verraten Sie mir zum Abschluss Ihre persönlichen Highlights im und am Fahrzeug?

Axel-Artur Poweleit:
Das möchte ich kurz und einfach mit dem Gesamterscheinungsbild des Ghost ausdrücken. Mich begeistern die Exterieur-Proportionen des gestreckten Vorderbaus, der eleganten Seitenlinie und des wohl proportionierten, eher schmalen Hecks. Als Fondpassagier ist es eine Wonne, sich sehr geborgen und komfortabel untergebracht zu fühlen sowie gleichzeitig mit dem Panoramadach und der Sicht nach vorn eine lichte Weite zu spüren. Aber das Schönste ist es, den Ghost selbst zu fahren.

Bm: Vielen Dank für diese Einblicke in die Projektarbeit und die spannende Welt von Rolls-Royce Motor Cars!