Hardware in the Loop
Zunehmend komplexe Systeme müssen in immer kürzerer Zeit entwickelt werden. Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, Fehler bereits in den frühen Phasen der Entwicklung zu entdecken und zu korrigieren. Ein Ansatz hierfür sind Hardware-in-the-Loop(HIL)-Teststände. Mit HIL wird ein bestehendes Steuergerät an einer Modellierung seiner späteren Umgebung getestet. Damit ist eine frühe Analyse des entwickelten Gerätes möglich.

ref_hil_01Das Kraftfahrzeug-Bordnetz: Garant für Spannungsstabilität und Funktionssicherung
Die Hauptanforderungen an elektrische Kraftfahrzeug-Bordnetze liegen in der Spannungsstabilität und der Funktionserfüllung. Darunter versteht man die Startfähigkeit, die abgesicherte Versorgung für elektrische Verbraucher sicherheitsrelevanter Systeme sowie die Erfüllung der Anforderungen an diese, wie zum Beispiel der Komfort-Funktionalitäten.

Um dies alles zu garantieren, werden moderne Fahrzeug-Bordnetze mit Energiemanagement-Funktionalitäten ausgestattet. Abhängig von der Serienausstattung der betrachteten Fahrzeuge reichen die Maßnahmen eines Energiemanagements von der reinen Stabilisierung der Bordnetzspannung durch Erhöhung der Generator-Leerlaufspannung bis hin zur Vorhersage der Batterie-Startfähigkeit für zukünftige Zeitpunkte durch eine vorausschauende Diagnose von Lade- und Batteriezustand. Ein Energiemanagement-Steuergerät hat daher die primäre Aufgabe, die jeweils aktuelle Leistungsfähigkeit der Batterie zu ermitteln und dementsprechend die Verbraucher zu priorisieren.

Projekt HIL-Prüfstand: Steuergerätefunktion des Energiemanagement-Steuergeräts erproben
Die Aufgabe für die Ingenieure der Abteilung Automobilelektronik im Technikum Ehningen bestand in der Entwicklung und im Aufbau eines HIL-Prüfstands, der automatisch die Steuergerätefunktionen eines Energiemanagement-Steuergeräts gemäß einer vorgegebenen Prüfspezifikation erprobt. Dabei sollte die Prüfzeit reduziert und eine Wiederholbarkeit der Prüfungen unter den selben Testbedingungen im Vordergrund stehen.

Vor diesem Hintergrund werden dem Steuergerät verschiedene Stimuli wie Spannung, Strom, Temperatur und die Simulation des Restbusses über CAN-Bus vorgegeben. Die Reaktionen des Steuergerätes werden als CAN-Botschaften ausgegeben und über CANape und CANoe im Rechner erfasst und mit den Vorgaben verglichen. Dieser Vergleich und die erwarteten Werte entscheiden über die korrekte Funktion des Steuergerätes. Nachdem die Hard- und Software getestet und in Betrieb genommen war, erfolgte die Erprobungsdurchführung mit anschließender Dokumentation der Ergebnisse.
ref_hil_02 Das Herzstück des Prüfstands:
Die zentrale Koppelbox – Hochstrom-Netzteil mit Schaltschützen und induktiver Strommessung.





Das Prüfstandskonzept: Zusammenwirken von Hard- und Software
Die Testspezifikationen für das Steuergerät stellte der Kunde zur Verfügung. Auf dieser Basis wurden zu Beginn des Projekts ein Konzept für Hard- und Software erarbeitet. Im Anschluss konnten die Hardwarekomponenten auf die speziellen Prüfspezifikationen zusammengestellt und dimensioniert werden. Auf der Softwareseite wurden zwei kommerzielle Tools von Vector eingesetzt: CANoe für die Restbussimulation und Erfassung der CAN-Botschaften sowie CANape, um die Steuergeräte-Parameter aufzuzeichnen.

Die Kommunikation zwischen CANoe und CANape erfolgt dabei über ein mit Visual-Basic programmiertes Gateway über die Microsoft-COM-Schnittstelle. Aus den Testspezifikationen wurden nun die einzelnen Prüfschritte in Schrittketten zusammengestellt und mit Hilfe einer Ablaufsteuerung in LabView programmiert und ausgeführt. Die Ablaufsteuerung gibt in diesem Zusammenhang die Stellgrößen vor, erfasst die physikalischen Messgrößen und sorgt für die Ergebnisdokumentation. Sie besteht aus vielen wieder verwendbaren Einzelmodulen – sogenannten funktionalen Blöcken – die wiederkehrende Prüfabläufe abbilden. Hierzu gehören zum Beispiel zeitliche Spannungsverläufe, Spannungen und Ströme einstellen, das Warten auf Ereignisse, die Steuerung von CANoe über CAN sowie die Datenablage. Die Ablaufsteuerung steuert zudem den zeitlichen Ablauf der einzelnen Module. Die Information über den zeitlichen Ablauf kommt aus der Schrittkette.

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1 Signalverteilung 2 Screenshot der Bedienoberfläche 3 Messschränke HIL-Prüfstand

Das gesamte Restbusverhalten für den Prüfling wird mit CANoe simuliert. Das Senden und Empfangen von Nachrichten an bzw. vom Steuergerät wird durch einen in CAPL programmierten Messknoten gesteuert (Restbussimulation). Dadurch werden die Anforderungen der Prüfspezifikation an die CAN-Kommunikation mit dem Steuergerät (Restbusparameter, Wertevorgabe, Auslesen von Werten mittels CANape und die Diagnosefunktion) abgebildet. Bei der Umsetzung dieses Konzepts arbeiteten die Elektronik-Ingenieure eng mit Kollegen aus dem Versuch zusammen, die ihre Erfahrung im Prüfstandsbau und der LabView-Programmierung einbrachten. Niederlassungsübergreifend unterstützten Bertrandt-Ingenieure aus Ingolstadt die CAPL-Programmierung.

Prüfstandsentwicklung und -aufbau: Koppelbox als zentrales Hardwareelement
Nach der gemeinsamen Konzeptentwicklung im Bertrandt Engineering Network wurde der Prüfstand in Ehningen aufgebaut. Dieser besteht aus zwei Messschränken, einer Klimakammer und zwei Laptop-Rechnern. Im ersten Messschrank befindet sich ein Industrie-PC, Messwerterfassungskarten von National Instruments und Netzteile mit Festspannungen sowie weitere programmierbare Netzteile (0–45 V, 0–70 A). Der zweite Messschrank enthält einen Hochstromkonstanter für Ströme bis 1000 Ampere und entsprechend dimensionierte Schaltschütze zum Umpolen der Spannung sowie die dazugehörige induktive Hochstrommessung. Abgeleitet aus den CAN-Bus-Informationen liefert eine bitserielle Schnittstelle (BSS) Informationen über den Generatorstrom.

Das BSS-Modul bildet hierbei die Schnittstelle zwischen CAN-Bus und der seriellen Leitung zum Steuergerät. Die Hardware-Komponente CANstress belastet optional den CAN physikalisch. Zum »Flashen« des Steuergerätes wird ein Diagnose-Tester eingesetzt. Die Koppelbox ist das zentrale Hardwareelement des Steuergeräte-Prüfstands, das alle Hardware-Komponenten miteinander verbindet. Hier laufen alle Spannungs- und Stromquellen zusammen und können entsprechend zielgerichtet an das Steuergerät verteilt werden. Als Ausgangsinformation werden verschiedene Ströme und Spannungen sowie die Temperatur des Steuergerätes gemessen. Des Weiteren die verschiedenen Systeme wie zum Beispiel das Ablaufsteuerungsprogramm, die Restbussimulation und Diagnose-Tester miteinander verbunden.

Erprobung: Steuergeräte-Prüfung im HIL-Püfstand
Vor der eigentlichen Prüfung des Steuergerätes muss eine Systemintegration durchgeführt werden. Diese dient dazu, das Zusammenspiel der verschiedenen Software-Module untereinander und mit der Hardware zu testen. Der Prüfstand ist nun testbereit.

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Systemdarstellung des Hardware-in-the-Loop-Prüfstands








Die vom Steuergeräte-Entwickler vorgegebenen Testspezifikationen werden dabei in verschiedene Prüffallgruppen unterteilt, die unterschiedliches Gewicht auf die verschiedenen Hard-, Software- und Diagnosefunktionalitäten legen. Die Prüffallgruppen sind wiederum in Prüffälle unterteilt und diese in einzelne Prüfschritte. Diese Prüfschritte werden weitestgehend ohne manuelle Eingriffe am HIL-Prüfstand abgearbeitet. Der Durchlauf einer einzelnen Erprobung kann von fünf Minuten bis zu mehreren Tagen dauern, wobei in bestimmten Prüfschritten Wartezeiten bis zu elf Stunden erforderlich sind, um das Eintreten spezieller Ereignisse überprüfen zu können. Die Erprobungen finden üblicherweise bei einer Raumtemperatur von +25 °C statt.

Ein Großteil der Prüfschritte wird anschließend bei Temperaturen von -40 °C und +70 °C wiederholt. Das zu prüfende Steuergerät befindet sich hierbei in einer Klimakammer. Die automatisch generierten Ergebnisse werden nun plausibilisiert und zur Vereinfachung der Auswertung in die entsprechende Testspezifikation eingetragen.

Fazit
Mit dem in einer niederlassungsübergreifenden Zusammenarbeit entwickelten HIL-Prüfstand kann Bertrandt Erprobungen für Energiemanagement-Steuergeräte durchführen. Dabei wird abhängig von der Prüffallgruppe ein Automatisierungsgrad der Messungen bis zu 100% erreicht. Ein erhöhter Betreuungsaufwand ist lediglich bei manuellen Eingriffen, wie beispielsweise beim »Flashen« des Steuergerätes notwendig. Eine Erweiterung des Prüfungsumfangs nach Kundenwunsch kann durch Anpassung der CAPL-Programme und Programmierung zusätzlicher LabView-Module realisiert werden.